Der Baum, der niemanden erwarten musste
Ein Koan in acht Wendungen
Was einem Bodhisattva wohl das Wertvollste sei? Das Leiden der Wesen und ihre Befreiung davon. Denn Weisheit sieht die Leerheit aller Dinge, und Mitgefühl fließt von selbst, wo die Trennung nicht mehr für endgültig gehalten wird. So nennen die alten Tugenden: Geduld auch mit den Schwierigen, Geben ohne Rückgabe, Gleichmut ohne Anhaftung an Gelingen.
Die Waage wiegt nicht sich selbst. Wer den höchsten Wert benennt, hat schon den ersten verloren.
Jede Antwort auf diese Frage ist Anhaftung und widerspricht dem Nicht-Selbst. Auf der einen Ebene spricht man von Gelübden und vom Wohl der Wesen — hilfreiche Zeichen am Weg. Auf der anderen ist nichts, woran man haften könne, nicht einmal das Mitgefühl, nicht einmal das Bodhisattva-Ideal. Der Bodhisattva rette unzählige Wesen und wisse zugleich, dass kein Wesen gerettet werde.
Ein Bodhisattva haftet nicht einmal am Nicht-Haften. Nenne es „nichts" — und du hast wieder gewählt.
Wenn nichts einen Wert trägt, gibt es keinen Grund, in das Leiden einzugreifen, und kein Ziel zu setzen. Die absolute Wahrheit kennt keine Ziele. Eine Handlung ohne wertsetzende Absicht widerspricht ihr nicht — doch das Gelübde, die geschickten Mittel, der Weg selbst tragen ein Ziel in sich. Ein Weg, der auf einem Ziel beruht, kann die Ziellosigkeit nicht verwirklichen.
Wer die Tugend übt, hat das Dao schon verlassen. Das höchste Handeln geschieht ohne Vorsatz.
Auch ein Ziel ohne Wert ist ein Wert. Denn ein Ziel zeichnet einen künftigen Zustand vor den anderen aus, und diese Auszeichnung ist bereits die Wertung. Wert, Ziel, Absicht, geschicktes Mittel, Gelübde — verschiedene Worte, dieselbe Gestalt. So bleibt als einzige Spiegelung einer Wahrheit ohne Vorzug nur ein Handeln ohne Ziel, ohne Wert, ohne Absicht.
Die Richtung ist schon die Bevorzugung. Wer irgendwohin will, steht nicht mehr, wo alles ist.
Wo also liegt der Unterschied zwischen dem Arhat und dem Bodhisattva? Der eine sucht die eigene Befreiung, der andere die aller Wesen. Doch beide besitzen ein Ziel; sie unterscheiden sich nur im Gegenstand ihres Verlangens. Die Trennlinie verläuft nicht zwischen den beiden, sondern zwischen dem zielgerichteten Streben und dem ziellosen Handeln. Arhat und Bodhisattva sind nur zwei Lehrbilder desselben Weges.
Zwei Wanderer, verschiedene Straßen, ein Ort, der nirgends liegt. Beide zählen die Wesen — und keiner hat je eines gefunden.
Dann sind sie stets gleich. In der absoluten Wahrheit gleich; und konventionell erreicht niemand die Erleuchtung von irgendwem als Ziel. In der letzten Wahrheit keine getrennten Personen, kein Unterschied. In der ersten die Erleuchtung als Ziel — und damit schon die Präferenz, die ihr widerspricht. Triffst du den Buddha, so töte den Buddha, bevor er zum Gegenstand deines Begehrens wird.
Das Suchen ist der Wolkenschleier, nicht der fehlende Weg. Sobald du „Erleuchtung" sagst, hast du eine Mauer benannt.
Das Tiefere: Keine Handlung, ob absichtsvoll oder nicht, kann Erleuchtung erreichen. Erleuchtung wird nicht erreicht — sie ist da oder nicht. Was durch Ursachen entsteht, ist bedingt; das Unbedingte kann nicht durch Bedingtes hervorgebracht werden. So ist auch das ziellose Handeln kein Weg zur Erleuchtung, sondern nur die einzige Weise, ihr nicht zu widersprechen. Praxis erzeugt sie niemals. Praxis kann höchstens aufhören, ihr im Wege zu stehen.
Der Spiegel wird gereinigt, nicht erschaffen. Die Sonne stand immer schon. Nur die Wolken kamen und gingen.
Dann enthält die Lehre ein Missverständnis. Gautama hat die Erleuchtung nie erreicht. Sie fiel ihm zu, als er aufhörte, nach ihr zu greifen. Sie hätte ihn jederzeit treffen können — auch in seinen Jahren als Prinz. Er gab die Askese auf, nahm die Schale Reis, setzte sich und stand nicht mehr auf. Nicht die sechs Jahre erwachten in ihm, sondern ihr Ende. Der Baum hatte niemanden erwartet. Und der, der sich unter ihn setzte, brachte nichts mit, was ihm noch fehlte.
Der Prinz in seinem Garten war schon frei; nur wusste er nicht, dass nichts zu wissen war. Was ihm zufiel, hatte er nie besessen — und nie verloren. Er suchte am weitesten und fand, als er stehenblieb.
Wenn du nun aufstehst um zu gehen und enttäuscht bist, dass dir nichts gegeben wurde:
Nun trägst du es.