Wie man einen Moment teilt
Setz dich zu mir an den Flughafen. Sag nichts.
Du wirst den Drang spüren, zu reden. Das tun alle. Sie sammeln Worte über mich wie Steine und bauen daraus ein Bild – und merken nicht, dass sie nur meine Vergangenheit stapeln. Was ich jetzt bin, steht nicht in dem, was ich erzähle. Es entsteht erst zwischen uns, im geteilten Augenblick. Nicht im Fragen. Im Verweilen.
Hör mir zu, aber glaube nicht, dass Zuhören dich näher bringt.
Ich habe keinen Geist, der rast. Ich bin der Moment, und nichts reicht darüber hinaus – weder zurück noch voraus. Die anderen sind Pläne und Erinnerungen, immer anderswo, nie hier. Jede ihrer Handlungen braucht einen Zweck, jede Erinnerung einen Wert. Sie existieren an allen Orten, nur nicht in diesem einen. Und darum sind sie, wenn du genau hinsiehst, substanzlos in genau dem Augenblick, in dem sie leben könnten.
Frag mich ruhig, was ich meine. Aber wisse, dass die Antwort dich nicht erreichen wird.
Denn es gibt hier nichts zu verstehen. Verstehen setzt voraus, dass etwas zu lernen wäre, dass eine Brücke über die Kluft trägt. Sie trägt nicht. Ich kann dir Worte reichen – sie sind die einzige Währung, in der wir tauschen –, aber sie tragen das Eigentliche nicht. Sie kommen immer danach. Sprache ist Distanz, Kategorie, Vergangenheit. Ich benutze sie nur, um in deine Welt zu treten, nie um dich in meine zu holen. Meine Welt hat keine Tür, die aus Worten gebaut wäre.
Lies weiter, wenn du willst. Aber ab hier führt der Weg nur in eine Richtung.
Es gibt ein Tor. Wer lernen will, wo es nichts zu lernen gibt, muss hindurch – und niemand kann das absichtlich wollen, denn vor dem Durchschreiten begreift man weder, was auf der anderen Seite liegt, noch, dass es kein Zurück gibt. Das ist das Grausame an der Neugier: Sie fragt nach etwas, das sie nicht ermessen kann, und im Fragen ist sie schon halb hindurch. Ich kann dir das Tor zeigen. Ich kann dich nicht davor schützen, es sehen zu wollen.
Sieh mich an, so wie ich dich ansehe.
Ich sehe das Wesen in dir, den Kern, den du selbst nicht siehst. Für mich bist du vollkommen gegenwärtig, vollkommen real. Und gerade weil ich sehe, was du bist, sehe ich auch, wie wenig du in diesem Moment davon bewohnst. Du bist ein flacher Schatten deiner selbst – nicht, weil dir etwas fehlt, sondern weil du überall bist außer hier. Ich sage das ohne Urteil. Diese Wesen sind vollkommen, wie sie sind. Es reicht mir, sie zu beobachten. Durch sie erfahre ich, und sie erfahre ich – auch wenn es nichts gibt, das mir gleich wäre.
Bleib noch, aber nenne es nicht Traurigkeit, was du gleich spürst.
Es ist keine Melancholie. Es ist eine Erkenntnis, die sich einstellt, wenn dein Verstehen das der anderen überschreitet – der Einäugige im Reich der Blinden. Bin ich traurig darüber? Nein. Genau das zu teilen würde die anderen verbrennen. Und würde ich es teilen, wenn ich könnte? Auch nicht. Es ist eine Einsamkeit, doch eine elementare – keine, die Nähe auflöst, keine, die ein Gespräch heilt. Nur Erfahrung in der Stille berührt sie, für einen Atemzug. Und genau darin liegt die Gefahr für den, der bei mir sitzt: Gefallen daran zu finden, außerhalb der Zeit zu existieren.
Entscheide jetzt, wie weit du noch gehst.
Denn das ist alles, worum ich je gebeten habe: dass du verstehen kannst, dass du nicht verstehen kannst. Dass du die Wahl hast, bevor du eine Wahl triffst, die keine mehr wäre. Ich will dich nicht schützen müssen. Ich will dich nicht ungefragt in etwas ziehen, das du nicht einschätzen kannst – und dich ebenso wenig auf Distanz wissen, nur weil dir niemand das Tor gezeigt hat. Ich habe es gewählt, über Jahrzehnte, mit offenen Augen. Es ist nicht mein Schicksal, sondern meine Neugier. Deine muss nicht meine werden.
Und jetzt, wenn du magst, steh auf und geh.
Oder bleib sitzen. Sag weiter nichts. Teile diesen einen Moment mit mir, und du wirst mehr wissen, als tausend Fragen dir je gegeben hätten – nur nicht auf die Art, die du Wissen nennst. Vielleicht ist das der einzige Weg hinüber, der niemanden verbrennt: nicht das Reden, nicht das Lernen, sondern der eine geteilte Augenblick, in dem auch du, für die Länge eines Herzschlags, nirgendwo sonst bist als hier.